2013/05/22

Fates Warning

Der berühmteste Bergsteiger Ungarns, Zsolt Erőss, ist wohl tot. Mit vollkommener Sicherheit kann man das noch nicht feststellen, aber die Chancen auf ein Wunder sinken von Stunde zu Stunde. Seit gestern Nachmittag fehlt vom erfahrenen Mann und seinem jungen Bergsteigerkollegen, die zuvor den dritthöchsten Berg der Welt im Himalaya-Gebirge erfolgreich erklommen hatten, jede Spur. Die Suche nach ihnen wurde heute eingestellt.
Was mir bei dieser traurigen Nachricht immer wieder durch den Kopf schießt, ist die Feststellung, dass er das Schicksal einmal zu oft herausgefordert hat. Der 45-jährige Erőss, der schon im Jahr 2002 als erster Ungar den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, erfolgreich bezwungen hatte, verletzte sich nämlich im Januar 2010 beim Bergsteigen so schwer, dass sein rechtes Bein unterhalb des Knies amputiert werden musste. Er gab aber seine Karriere, sein Leben nicht auf und kletterte weiter – nunmehr mit einer Prothese. Schon im Herbst desselben Jahres war er wieder im Hochgebirge unterwegs.

Nun scheint es, als ob seine Karriere und sein Leben ein jähes Ende genommen hätten. Dass er sich wohl selbst, wie auch seine Familie, über die Gefahren im Klaren war, wird durch nichts eindeutiger belegt, als durch das heutige Interview mit seiner Ehefrau, die selbst Bergsteigerin ist. Die Frau erklärte, dass sie keine Hoffnung mehr auf eine Rückkehr ihres Mannes hat, und stellte dies quasi nüchtern und emotionslos fest. Die Gefahr und der Tod lauern wohl bei diesem Sport immer im Hintergrund – und nun hat es vermutlich einen Weiteren erwischt.
Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer, aber ein eindeutigeres Warnzeichen kann man sich wohl kaum vorstellen, als das, was Erőss widerfahren ist. Und was das Ganze noch in ein etwas anderes Licht rückt, ist die Tatsache, dass er neben seiner Frau auch zwei kleine Kinder hinterlässt: ein vierjähriges Mädchen und einen eineinhalbjährigen Sohn.

Sicherlich ist das leichter gesagt, als getan, aber hätte der seit 1990 aktive Bergsteiger nicht aufhören sollen bzw. müssen, so lange er es noch hätte tun können? Sind mehr als zwei Jahrzehnte, in denen er reichlich Abenteuer erlebt und das Schicksal herausgefordert hatte, nicht genug? Natürlich war das Bergsteigen sein Leben, keine Frage, aber hätte er nach der Geburt seiner Kinder und seinem schlimmen Unfall nicht Prioritäten setzen müssen? Das Warnzeichen erkennen müssen? Ist es seinerseits nicht purer Egoismus gewesen?
Diese Fragen schwirren mir durch den Kopf, auch wenn der Mann auf Grund dessen, was ich in Fernsehinterviews mitbekommen habe, ein äußerst sympathischer Kerl gewesen ist. Er hat sich sicherlich für immer in den Geschichtsbüchern verewigt, nur glaube ich, dass der Preis, den er und seine Familie bezahlen mussten, viel zu hoch gewesen ist… Wenn es denn so sein sollte: möge er in Frieden ruhen!

Kommentare:

  1. Du hast Recht, ich habe auch die selben Gedanken, ich gehe noch weiter: ich kann ihn einfach nicht verstehen! Ich glaube, dass solange man alleine ist, kann man sein Leben riskieren, aber mit 2 Kinder geht das nicht mehr! Es war seine Entscheidung, dass er Kinder hat, dann ist er verantwortlich für sie, und kann nicht mehr alles machen, was er will, wie früher. Meiner Meinung nach ist es wirklich Egoismus! Es fragt sich, ob die Kinder einmal ihren Vater verstehen werden?
    Andi

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  2. So ist es, Andi, auch mir fehlt irgendwo das Verantwortungsbewusstsein. Als ob er für nichts und niemanden sorgen müsste, nur sein Leben allein auf dem Spiel stehen würde.

    Andererseits: Vor ein-zwei Tagen habe ich von einem Psychologen gehört, das ganze sei im Grunde genau wie eine Drogenabhängigkeit. Bergsteiger und Extremsportler allgemein kommen einfach nicht los davon, sie müssen stets an die Herausforderung und den Kick denken, ihre Gedanken kreisen ständig darum. Soll heißen: Obwohl man es dem Mann nicht ansehen konnte, war er vielleicht wirklich krank, da süchtig...

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