2026/02/21

Needful Things – In einer großen Stadt

Morgen sind es nun schon dreizehn Jahre her, dass der jüngere Sohnemann und zugleich unser „Sandwichkind“ unter den Erdenbürgern weilt. Ich könnte hier natürlich zeilenlang darüber sinnieren, wie schnell doch die Zeit vergeht, und dass es nur mehr fünf Jahre sind, bis auch er die Volljährigkeit erreicht – im Vergleich zu der bereits verstrichenen Zeit quasi ein Wimpernschlag.

Doch soll es stattdessen um eine Anmerkung darüber gehen, dass wir morgen für ihn neben seinen gewünschten Geschenken eine klitzekleine Überraschung parat haben. Auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes, für mich aber sehr persönlich.

Als begeisterter Leser verschlingt er nämlich reihenweise Bücher – im Grunde alles, was ihm in die Hände fällt, sei es aus Buchgeschäften, Bibliotheken oder offenen Bücherschränken. Was ihm nicht gefällt, liest er natürlich nicht zu Ende, aber er gibt dem Werk zumindest eine Chance.

Seit geraumer Zeit liegt er mir nun schon in den Ohren, was einen Schriftsteller betrifft, dessen Bücher in unserer Wohnung nur schwer zu übersehen sind. Einen ganzen Bücherschrank füllen nämlich mittlerweile die Werke von Stephen King – die wohlbehütete Sammlung von meinereiner. Alle bisher erschienenen Bücher von ihm reihen sich dort aneinander, etliche sogar in mehreren Ausgaben und Sprachen, ein-zwei Raritäten mit inbegriffen.

Bekanntermaßen gilt ja King – nomen est omen – als „King of Horror“, obwohl viele seiner Romane nur wenig mit der Gattung zu tun haben, eher Psychothriller, Kriminalromane, Schauergeschichten oder gar Fantasy-Werke sind. Und auch, wenn der menschlichen Seite und der detaillierten Beschreibung von kleinen, geschlossenen Gemeinschaften oder Ortschaften in den Werken größere Bedeutung zukommt, als den übernatürlichen oder angsteinflößenden Elementen. Trotzdem habe ich bisher meine bzw. unsere Erlaubnis hinausgezögert. Das, obwohl der Junior vor etlichen Jahren die Harry Potter-Reihe und vor einigen Monaten auch die Herr der Ringe-Trilogie innerhalb weniger Wochen verschlungen hat – die fürwahr so manche kriegerische und blutrünstige Szene beinhalten.

Morgen ist es nun doch so weit, und wir werden ihm mit der Dame des Hauses neben seinen Geschenken auch die ersten beiden Romane aus meinem King gewidmeten Bücherschrank in die Hand drücken. Selbstverständlich die meiner Meinung nach wohl harmlosesten – auch wenn der morgige Schritt wohl aus dieser Sicht sein (und unser) „Rabbit Hole“ sein wird. Es wird nicht lange bei diesen beiden Büchern bleiben, da bin ich mir sicher.

Bedenken habe ich fast keine. Ich weiß, jeder Mensch ist anders, und wer weiß, welche Assoziationen bestimmte Erlebnisse hervorrufen, aber trotzdem habe ich mich vor meiner Entscheidung an meine persönlichen Erfahrungen vor über dreißig Jahren zurückerinnert. Ich selbst war zwölf oder dreizehn Jahre alt, als ich mir aus der Schulbibliothek die ersten beiden Werke von Stephen King ausgeborgt habe. Wobei ich nicht mehr genau weiß, welches Buch das erste war, aufgrund der Tatsache, dass ich die beiden frühen Romane Cujo und Christine innerhalb kurzer Zeit nacheinander gelesen habe. Auf jeden Fall aber eines, das weitaus furchterregender ist, als die, die ich nun für ihn ausgesucht habe. Zudem habe ich damals vor den besagten Werken viel weniger gelesen, als er jetzt. Überhaupt waren die Welt, die Medienlandschaft und das Tempo unseres Lebens vor mehr als dreißig Jahren eine ganz andere, als heute. In diesem Sinne wollen wir also das Beste hoffen.

2026/01/30

Räderwerk

Es wird ja in letzter Zeit sehr viel über künstliche Intelligenz und darüber gesprochen, in wie weit Maschinen uns ersetzen können, und welche Berufe quasi vom Aussterben bedroht sind. Das Thema wird in zahlreichen Lebensbereichen so ausgiebig thematisiert, dass vielen, auch mir, das ganze ehrlich gesagt schon zum Hals raus hängt.

Worüber aber wenig gesprochen wird, ist die Tatsache, dass uns beileibe nicht nur Maschinen, sondern auch andere Menschen ersetzen können. Und das war womöglich schon immer so, in diesem Bereich hat sich aufgrund der Entwicklung des Menschen und der Zivilisation kaum etwas getan. Das ganze ging mir vor kurzem durch den Kopf, als ich das innerhalb von ein-zwei Wochen gleich zweimal erlebt habe.

Dazu bedarf es nicht einmal eines größeren Ereignisses, wie dem Tod eines Menschen oder dem Ruhestand. Es reicht, wenn aus diesen oder jenen Gründen entweder ein anderer die Möglichkeit bekommt, die Arbeit zu versehen, die bisher eine beliebige Person gemacht hat. Oder – und das ist die andere Möglichkeit – die betreffende Person wird, wiederum aus diversen Gründen, ganz einfach aus einem Prozess ausgelassen, quasi ignoriert. Das heißt, die Prozesse müssen weitergehen, so oder so, koste es, was es wolle – die „Maschine“ muss ganz einfach am Laufen gehalten werden, weil die Interessen des Betreibers oder des Unternehmens dies diktieren.

Wir alle sind tatsächlich nur kleine Zahnräder in verschiedenen Räderwerken. Fallen wir vorübergehend oder endgültig aus, geht es – machen wir uns nichts vor – auch ohne uns weiter. Ob sofort oder nach einer kürzeren-längeren Zwangspause – aber es geht weiter. Ob es weiterhin wie geschmiert läuft, oder ob es doch ein bisschen hapert – aber es geht weiter. Ob es uns gefällt oder nicht, ob wir wahrhaben wollen, dass keiner von uns unersetzlich sind, oder lieber den Kopf in den Sand stecken – aber es geht weiter. Jetzt und bis in alle Ewigkeit.

Und das ist vielleicht auch gut so, aus der Sicht der Welt und der Menschheit. Unsere Aufgabe ist es, das einzusehen, je früher, desto besser, und uns damit irgendwie abzufinden. Denn: „Das große Werk, es ist vollbracht und gut. / Der Mechanismus läuft, der Schöpfer ruht. / Äonen bleibt das Räderwerk in Fluß, / Eh eine Schraube man ersetzen muß.“