2026/06/06

„Dad – what was punkrock...?“

Ein Blog, der seinen Namen nicht umsonst einem Hit der Toten Hosen verdankt, kann es sich gar nicht leisten, nicht über das vor kurzem erschienene letzte reguläre Studioalbum der Düsseldorfer zu berichten und an ihrem Abschied vom Studio quasi wortlos vorüberzugehen. Und – das sei vorausgeschickt –, das neue, letzte Album mit dem Titel Trink aus! Wir müssen gehen verdient allen Respekt und zählt meines Erachtens zu den stärksten Werken der Band, die inzwischen bereits 44 Jahre auf dem Buckel hat.

Das erste Wort, das mir beim Anhören der Platte in den Sinn kam, war Wehmut, und zwar sowohl was die Texte als auch was die Musik betrifft. Klar, es finden sich auch einige wenige kürzere Songs auf dem Album, die eher zum Mitgrölen geeignet sind oder textlich weniger zu bieten haben. Zum überwiegenden Teil sind es aber Lieder, die zum Nachdenken anregen, tiefe Gefühle hervorrufen und eigene Erfahrungen, Erinnerungen aufleben lassen. Und zwar in Bezug auf die Band und auf Erlebnisse und Momente im Leben gleichermaßen.

Auch das Quintett selbst nimmt – wie es sich für ein Abschiedsalbum gehört – in etlichen Songs Bezug auf das Erlebte, auf Lieder, Personen und Orte. Wobei es mich jetzt im Nachhinein ein wenig verwundert, dass sie zum Beispiel an ihre geliebte Heimatstadt Düsseldorf im gleichnamigen Song erst jetzt eine überaus gelungene Hommage richten. Diese wird in Zukunft mit Sicherheit bei vielen Gelegenheiten erklingen.

Ähnlich überraschend ist der Auftritt von Farin Urlaub von der Band Die Ärzte beim Auftakt des Albums im Lied Hier sind die Hosen. Ein genialer Schachzug, der mit der Großstadtlegende um die Rivalität der beiden Bands ein für alle Mal abrechnet. Die beiden, vielleicht stärksten Songs von den insgesamt sechzehn des Albums sind für mich das nostalgische Was früher einmal war mit Bezügen auf den großen Hit Wort zum Sonntag und das gesellschaftskritische Was ist mit uns los.

Letzteres Lied wird angesichts unserer bis zum Äußersten polarisierten und teilweise verfeindeten Welt sicherlich für Gesprächsstoff sorgen. Wieder einmal, muss man hinzufügen, denn Die Toten Hosen haben aus ihrer Meinung und ihren politischen, gesellschaftlichen Ansichten noch nie ein Geheimnis gemacht – man denke nur an den Klassiker Sascha… ein aufrechter Deutscher von 1992. Das freilich wurde und wird ihnen auch oft von diversen Gruppierungen oder Anhängern verschiedener Bewegungen in den Medien und im Netz unter die Nase gerieben. So wie im Übrigen auch die Tatsache, im Laufe der Jahre immer mehr radiofreundliche, eingängigere Lieder und Stadionhymnen geschrieben zu haben.

Was das letztere Argument betrifft: Bands, die sich textlich und musikalisch im Laufe der Jahrzehnte nur wenig verändern, haben zweifelsohne ihre Daseinsberechtigung. Auch ich kann solchen Gruppen etwas abgewinnen, Stichwort AC/DC, Manowar oder ZZ Top. Aber von jedem Musiker oder jeder Band zu erwarten, dass sie nach zwanzig, dreißig – geschweige denn 44 – Jahren mit ihren Songs noch dort verweilen, wo sie in ihren Zwanzigern waren, kann wohl nicht ernst gemeint sein. Das ist auch von einem Menschen an sich nicht zu erwarten.

Alles in allem halte ich Trink aus! Wir müssen gehen für einen äußerst gelungenen, starken Abschied. Ein Album, an das man sich gerne zurückerinnern wird, und krönender Abschluss der Diskografie einer Band, die den Punkrock international Jahrzehnte lang stark geprägt hat – und das mit überwiegend deutschsprachigen Texten. Ein sehr würdiger, noch dazu selbst gewählter Abschied der Toten Hosen also, was sich, wie gesagt, in den Songtexten und den musikalischen Lösungen immer wieder offenbart. Und in dieser Hinsicht kann man den Düsseldorfern wahrlich nichts vorwerfen, denn in diesem Punkt sind sie sich zweifelsohne treu geblieben. Wie sangen sie schon vor genau vierzig Jahren, im Jahr 1986, im Lied Wort zum Sonntag? „Das Ende setzen wir uns selbst / Und niemand anders auf der Welt / Begreift besser jetzt als nie / Es kommt erst, wenn es uns gefällt!“

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