2026/04/29

So wahr mir Hippokrates helfe

Man könnte ja meinen, zumindest Ärzte erreichen in Sachen Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit, Verlässlichkeit oder gar Menschlichkeit ein gewisses Niveau. Schließlich haben sie irgendwann einmal den Hippokratischen Eid abgelegt, besser gesagt das Genfer Gelöbnis geleistet. Dass dem nicht so ist, habe ich in letzter Zeit am Beispiel meines Hausarztes erfahren. Der Alte ist unlängst in Rente gegangen, und nun haben wir eine Neue mittleren Alters. Während der eine sich nie um meine jährlichen Laborwerte gekümmert oder mich nie zu weiteren Untersuchungen eingewiesen hat, ist die andere genau das Gegenteil, obwohl auch sie nicht mehr die Jüngste ist. Nun heißt es also, auch die zusätzlichen Untersuchungen zu dulden, auch wenn sie womöglich zu keinem Ergebnis führen oder hinfällig sind.

Wünschenswert wäre sicherlich – wie in so vielen anderen Fällen – die goldene Mitte, aber ich muss nun mit dieser Situation leben. Ich denke aber, es ist immer noch besser, eine etwas übereifrige Hausärztin zu haben, als einen, dem alles und jeder egal ist. In jüngeren Jahren, wo ich seltener dort aufkreuzen musste und weniger (potentielle) Wehwehchen an der Tagesordnung standen, war das zum Glück – zumindest in meinem Fall – kein großes Problem, ja sogar einfacher für mich. Aber mit voranschreitendem Alter ist es wahrscheinlich beruhigender zu wissen, dass jemand achtgibt und ihre Aufgabe, ihren Beruf, ja sogar ihre Berufung ernst nimmt. Auch wenn das kurz- und mittelfristig lästig erscheint.

2026/03/29

Von Wahlen, Walen und Moneten

Dass die Medien uns ständig manipulieren, ist ja nichts Neues. Und da muss man nicht einmal an Politik und an eine Wahl denken. Um es mit einem Kalauer auszudrücken: Es genügt, wenn man an einen Wal denkt und sich den jüngsten Fall des am Timmendorfer Strand gestrandeten Buckelwals anschaut, dem die Anwohner den liebevollen Namen Timmy gegeben haben.

Selbstverständlich hoffe auch ich, dass sich das mittlerweile geschwächte Tier nach den bisherigen Fehlversuchen und einer verstrichenen Woche freischwimmen kann, oder auf irgendeine Weise von den Helfern gerettet werden kann. Klar fiebere ich mit. Aber wenn wir ein bisschen Abstand zu den Ereignissen gewinnen, müssen wir nüchtern feststellen: Wir werden von den berichtenden Medien ganz klar manipuliert.

Denn seien wir ehrlich: Der Fall ist nicht viel interessanter und hat nicht bedeutend mehr Nachrichtenwert, als wenn in China ein Sack Reis umfällt. Wen würde das Schicksal des Wals interessieren, wenn von den führenden Presseorganen im In- und Ausland nicht darüber quasi im Stunden-, ja teilweise sogar im Minutentakt berichtet werden würde? Außer einigen Tierschützern und den Verantwortlichen vor Ort wohl niemanden. Schließlich trifft auch in diesem Fall zu: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. So aber baut der Durchschnittsleser auch aus der Ferne, ja sogar aus dem Ausland eine emotionale Bindung zum Tier auf und fiebert auch unbewusst mit ihm mit.

Das haben die betroffenen Medien geschickt eingefädelt, so wie es vermutlich auch im Lehrbuch steht. Denn für sie geht es primär um Klicks, Likes und sie damit verbundenen Einnahmen. Insofern können wir wohl sagen, dass ihr Vorgehen den gewünschten Effekt und auch finanziellen Erfolg mit sich bringt.

2026/03/21

Errare ergo sum

Kennt ihr auch die Sorte von Mensch, die nur darauf wartet, dass man mal einen Fehler macht? Und dann, wenn diese Menschen gerade anwesend oder in einen bestimmten Prozess involviert sind, sind sie selbstverständlich sofort zur Stelle, weisen auf den Fehler oder Irrtum hin. Womöglich tun sie sogar so, als ob sie das nur gut meinen würden und fügen dann Dinge hinzu, wie: „Nur so nebenbei bemerkt…“, oder: „Ich wollte nur darauf hinweisen, dass...“.

Trotzdem spürt man als Gesprächspartner, sei es unter vier Augen oder vor versammelter Mannschaft, dass sie nur sich selbst inszenieren, gut bzw. besser dastehen oder vor dem anderen mit ihrem (vermeintlichen) Wissen, ihren Fähigkeiten prahlen wollen. Und insgeheim nur darauf gewartet haben, dass ein Fachmann, jemand, der etwas besser kann, oder zumindest anerkannter, erfolgreicher ist, als sie selbst, irgendwann mal einen Fehler macht und sie diesen bemerken. Weil sie, indem sie dann gleich darauf hinweisen, ihr eigenes Ego aufpolieren wollen, oder glauben, dadurch ihre schlechteren Fähigkeiten, ja in gewissen Fällen sogar ihre Minderbemitteltheit wettmachen zu können.

Das Wort, das mir in solchen Situationen zuerst einfällt, ist „erbärmlich“. Das zweite vielleicht „lächerlich“. Das beste, was man aus solchen Situationen machen kann, ist wohl, dass man den dazugegebenen „Senf“ des Gesprächspartners zur Kenntnis nimmt, freundlich lächelt, vielleicht ein-zwei nett gemeinte Worte erwidert und sich dann still und leise seinen eigenen Teil dazu denkt. Etwas anderes haben solche Menschen wahrscheinlich nicht verdient. Nun gut, ein wenig Mitleid vielleicht schon.

2026/02/21

Needful Things – In einer großen Stadt

Morgen sind es nun schon dreizehn Jahre her, dass der jüngere Sohnemann und zugleich unser „Sandwichkind“ unter den Erdenbürgern weilt. Ich könnte hier natürlich zeilenlang darüber sinnieren, wie schnell doch die Zeit vergeht, und dass es nur mehr fünf Jahre sind, bis auch er die Volljährigkeit erreicht – im Vergleich zu der bereits verstrichenen Zeit quasi ein Wimpernschlag.

Doch soll es stattdessen um eine Anmerkung darüber gehen, dass wir morgen für ihn neben seinen gewünschten Geschenken eine klitzekleine Überraschung parat haben. Auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes, für mich aber sehr persönlich.

Als begeisterter Leser verschlingt er nämlich reihenweise Bücher – im Grunde alles, was ihm in die Hände fällt, sei es aus Buchgeschäften, Bibliotheken oder offenen Bücherschränken. Was ihm nicht gefällt, liest er natürlich nicht zu Ende, aber er gibt dem Werk zumindest eine Chance.

Seit geraumer Zeit liegt er mir nun schon in den Ohren, was einen Schriftsteller betrifft, dessen Bücher in unserer Wohnung nur schwer zu übersehen sind. Einen ganzen Bücherschrank füllen nämlich mittlerweile die Werke von Stephen King – die wohlbehütete Sammlung von meinereiner. Alle bisher erschienenen Bücher von ihm reihen sich dort aneinander, etliche sogar in mehreren Ausgaben und Sprachen, ein-zwei Raritäten mit inbegriffen.

Bekanntermaßen gilt ja King – nomen est omen – als „King of Horror“, obwohl viele seiner Romane nur wenig mit der Gattung zu tun haben, eher Psychothriller, Kriminalromane, Schauergeschichten oder gar Fantasy-Werke sind. Und auch, wenn der menschlichen Seite und der detaillierten Beschreibung von kleinen, geschlossenen Gemeinschaften oder Ortschaften in den Werken größere Bedeutung zukommt, als den übernatürlichen oder angsteinflößenden Elementen. Trotzdem habe ich bisher meine bzw. unsere Erlaubnis hinausgezögert. Das, obwohl der Junior vor etlichen Jahren die Harry Potter-Reihe und vor einigen Monaten auch die Herr der Ringe-Trilogie innerhalb weniger Wochen verschlungen hat – die fürwahr so manche kriegerische und blutrünstige Szene beinhalten.

Morgen ist es nun doch so weit, und wir werden ihm mit der Dame des Hauses neben seinen Geschenken auch die ersten beiden Romane aus meinem King gewidmeten Bücherschrank in die Hand drücken. Selbstverständlich die meiner Meinung nach wohl harmlosesten – auch wenn der morgige Schritt wohl aus dieser Sicht sein (und unser) „Rabbit Hole“ sein wird. Es wird nicht lange bei diesen beiden Büchern bleiben, da bin ich mir sicher.

Bedenken habe ich fast keine. Ich weiß, jeder Mensch ist anders, und wer weiß, welche Assoziationen bestimmte Erlebnisse hervorrufen, aber trotzdem habe ich mich vor meiner Entscheidung an meine persönlichen Erfahrungen vor über dreißig Jahren zurückerinnert. Ich selbst war zwölf oder dreizehn Jahre alt, als ich mir aus der Schulbibliothek die ersten beiden Werke von Stephen King ausgeborgt habe. Wobei ich nicht mehr genau weiß, welches Buch das erste war, aufgrund der Tatsache, dass ich die beiden frühen Romane Cujo und Christine innerhalb kurzer Zeit nacheinander gelesen habe. Auf jeden Fall aber eines, das weitaus furchterregender ist, als die, die ich nun für ihn ausgesucht habe. Zudem habe ich damals vor den besagten Werken viel weniger gelesen, als er jetzt. Überhaupt waren die Welt, die Medienlandschaft und das Tempo unseres Lebens vor mehr als dreißig Jahren eine ganz andere, als heute. In diesem Sinne wollen wir also das Beste hoffen.

2026/01/30

Räderwerk

Es wird ja in letzter Zeit sehr viel über künstliche Intelligenz und darüber gesprochen, in wie weit Maschinen uns ersetzen können, und welche Berufe quasi vom Aussterben bedroht sind. Das Thema wird in zahlreichen Lebensbereichen so ausgiebig thematisiert, dass vielen, auch mir, das ganze ehrlich gesagt schon zum Hals raus hängt.

Worüber aber wenig gesprochen wird, ist die Tatsache, dass uns beileibe nicht nur Maschinen, sondern auch andere Menschen ersetzen können. Und das war womöglich schon immer so, in diesem Bereich hat sich aufgrund der Entwicklung des Menschen und der Zivilisation kaum etwas getan. Das ganze ging mir vor kurzem durch den Kopf, als ich das innerhalb von ein-zwei Wochen gleich zweimal erlebt habe.

Dazu bedarf es nicht einmal eines größeren Ereignisses, wie dem Tod eines Menschen oder dem Ruhestand. Es reicht, wenn aus diesen oder jenen Gründen entweder ein anderer die Möglichkeit bekommt, die Arbeit zu versehen, die bisher eine beliebige Person gemacht hat. Oder – und das ist die andere Möglichkeit – die betreffende Person wird, wiederum aus diversen Gründen, ganz einfach aus einem Prozess ausgelassen, quasi ignoriert. Das heißt, die Prozesse müssen weitergehen, so oder so, koste es, was es wolle – die „Maschine“ muss ganz einfach am Laufen gehalten werden, weil die Interessen des Betreibers oder des Unternehmens dies diktieren.

Wir alle sind tatsächlich nur kleine Zahnräder in verschiedenen Räderwerken. Fallen wir vorübergehend oder endgültig aus, geht es – machen wir uns nichts vor – auch ohne uns weiter. Ob sofort oder nach einer kürzeren-längeren Zwangspause – aber es geht weiter. Ob es weiterhin wie geschmiert läuft, oder ob es doch ein bisschen hapert – aber es geht weiter. Ob es uns gefällt oder nicht, ob wir wahrhaben wollen, dass keiner von uns unersetzlich sind, oder lieber den Kopf in den Sand stecken – aber es geht weiter. Jetzt und bis in alle Ewigkeit.

Und das ist vielleicht auch gut so, aus der Sicht der Welt und der Menschheit. Unsere Aufgabe ist es, das einzusehen, je früher, desto besser, und uns damit irgendwie abzufinden. Denn: „Das große Werk, es ist vollbracht und gut. / Der Mechanismus läuft, der Schöpfer ruht. / Äonen bleibt das Räderwerk in Fluß, / Eh eine Schraube man ersetzen muß.“