2026/06/14

180 Seasons

Sage und schreibe 27 Jahre ist es her, dass ich Metallica das erste Mal live sehen durfte. Was mich ein bisschen nachdenklich macht, ist nicht nur, dass seitdem knapp drei Jahrzehnte vergangen sind. Sondern auch die Tatsache, dass die Band damit seit 1999 deutlich mehr Jahre auf dem Buckel hat, als sie damals alt war. In den vergangenen Tagen hatte ich das Privileg, Metallica nunmehr zum siebten und gleich auch zum achten Mal live zu erleben. Im Rahmen ihrer aktuellen Tour anlässlich ihres neuen Albums 72 Seasons gastierten sie an gleich zwei Abenden in der ungarischen Hauptstadt – mit zwei komplett verschiedenen Sets in Form eines „No Repeat Weekend“. Eine geniale Idee, denn auf diese Weise kommt das jeweilige Publikum in den Genuss, mit 32 Songs quasi einen Querschnitt aus dem gesamten Oeuvre des Viergespanns zu erhalten.

Schon das an sich ist eine einmalige Gelegenheit, die durch zwei bedeutende Umstände noch getoppt wurde. Einerseits durch die Bühne in der Mitte des Stadions und die ebenfalls phänomenale Idee mit vier Drumkits in den vier Ecken der Bühne, wo jeweils vier Lieder gespielt werden und die anderen Musiker die Möglichkeit haben, auf dem Ring vor dem Publikum rundherum zu gehen und zu spielen. Andererseits durch den Umstand, dass die Band gerade ihren zweiten Frühling erlebt. Nach diversen drogen- und vor allem alkolholbedingten Problemen hat Sänger und Gitarrist James Hetfield zu alter Stärke zurückgefunden, und der von den Medien viel gescholtene Schlagzeuger Lars Ulrich hat wohl durch seinen eisernen Willen und viel Übung sein Spiel auf eine höhere Stufe bringen können. Der „neue“ Bassist Robert Trujillo ist aus der Band einfach nicht mehr wegzudenken, zumal auch er schon 23 Jahre dabei ist, und der unauffällige Leadgitarrist Kirk Hammett hat all das oben Beschriebene allem Anschein nach jahrzehntelang still erduldet, ohne mit der Wimper zu zucken.

An zwei Abenden konnten wir uns nun selbst ein Bild davon machen, dass die neue Höchstform nicht nur eine Meinung der Journalisten ist und nicht nur in den Konzertmitschnitten so zu sein scheint. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Mit einem Budapester Stadionrekord von zweimal über 75 000 Zuschauern lieferten Metallica eine bombastische Bühnenshow mit Songs aus ihrer 45 Jahre dauernden Karriere ab, die seinesgleichen sucht und über die ich nur in Superlativen sprechen kann. Sowohl was das Visuelle, den Sound und auch was die Songauswahl betrifft. Wobei auf jeden Fall zu bemerken ist, dass die Band bei perfektem, trockenem Konzertwetter auftreten konnte, was bei Open-Air-Veranstaltungen Anfang Juni keine Selbstverständlichkeit ist. Und dass die Musiker, die nach acht langen Jahren wieder nach Budapest zurückkehrten, augenscheinlich sehr gut gelaunt waren und richtig Bock auf die beiden Konzerte hatten. Bei diversen launischen Künstlern ist das auch nicht selbstverständlich.

Ein kleines bisschen Wehmut war und ist jedoch dabei. Für mich waren diese beiden Shows, die am ersten Abend zwei ein viertel und am zweiten Abend zwei Stunden dauerte, nicht nur aus den oben beschriebenen Gründen bedeutsam. Sondern auch, weil man nie wissen kann, ob man irgendwann noch einmal die Möglichkeit haben wird, Metallica in dieser Form live zu erleben. Einerseits kann man das – Höchstform hin oder her – bei Ü60-Musikern leider nie wissen, andererseits werden ausgedehnte Welttourneen mit voranschreitendem Alter erfahrungsgemäß immer seltener. Ob es eine Abschiedstournee geben kann, hängt ebenfalls von vielen äußeren Umständen ab, wie auch die Frage, ob man für diese überhaupt Karten ergattern kann. Insofern waren diese beiden Abende für mich mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als der Jubiläumsauftritt von Iron Maiden im Vorjahr.

Trotz der klein bisschen Traurigkeit bleibt jedoch festzuhalten: Noch ist nicht aller Tage Abend, aber wenn es denn so kommen sollte und irgendwann in Zukunft nur mehr die Videos und Konzertberichte ein wenig Trost spenden, so war dieses doppelte Konzerterlebnis für mich ein krönender, unvergesslicher Abschluss. Wenn man eine der größten Rockbands – und vielleicht die bekannteste und beliebteste – aller Zeiten achtmal live erleben durfte, gibt es überhaupt keinen Grund zu meckern. Alles andere wäre schlicht und einfach Unersättlichkeit.

2026/06/06

„Dad – what was punkrock...?“

Ein Blog, der seinen Namen nicht umsonst einem Hit der Toten Hosen verdankt, kann es sich gar nicht leisten, nicht über das vor kurzem erschienene letzte reguläre Studioalbum der Düsseldorfer zu berichten und an ihrem Abschied vom Studio quasi wortlos vorüberzugehen. Und – das sei vorausgeschickt –, das neue, letzte Album mit dem Titel Trink aus! Wir müssen gehen verdient allen Respekt und zählt meines Erachtens zu den stärksten Werken der Band, die inzwischen bereits 44 Jahre auf dem Buckel hat.

Das erste Wort, das mir beim Anhören der Platte in den Sinn kam, war Wehmut, und zwar sowohl was die Texte als auch was die Musik betrifft. Klar, es finden sich auch einige wenige kürzere Songs auf dem Album, die eher zum Mitgrölen geeignet sind oder textlich weniger zu bieten haben. Zum überwiegenden Teil sind es aber Lieder, die zum Nachdenken anregen, tiefe Gefühle hervorrufen und eigene Erfahrungen, Erinnerungen aufleben lassen. Und zwar in Bezug auf die Band und auf Erlebnisse und Momente im Leben gleichermaßen.

Auch das Quintett selbst nimmt – wie es sich für ein Abschiedsalbum gehört – in etlichen Songs Bezug auf das Erlebte, auf Lieder, Personen und Orte. Wobei es mich jetzt im Nachhinein ein wenig verwundert, dass sie zum Beispiel an ihre geliebte Heimatstadt Düsseldorf im gleichnamigen Song erst jetzt eine überaus gelungene Hommage richten. Diese wird in Zukunft mit Sicherheit bei vielen Gelegenheiten erklingen.

Ähnlich überraschend ist der Auftritt von Farin Urlaub von der Band Die Ärzte beim Auftakt des Albums im Lied Hier sind die Hosen. Ein genialer Schachzug, der mit der Großstadtlegende um die Rivalität der beiden Bands ein für alle Mal abrechnet. Die beiden, vielleicht stärksten Songs von den insgesamt sechzehn des Albums sind für mich das nostalgische Was früher einmal war mit Bezügen auf den großen Hit Wort zum Sonntag und das gesellschaftskritische Was ist mit uns los.

Letzteres Lied wird angesichts unserer bis zum Äußersten polarisierten und teilweise verfeindeten Welt sicherlich für Gesprächsstoff sorgen. Wieder einmal, muss man hinzufügen, denn Die Toten Hosen haben aus ihrer Meinung und ihren politischen, gesellschaftlichen Ansichten noch nie ein Geheimnis gemacht – man denke nur an den Klassiker Sascha… ein aufrechter Deutscher von 1992. Das freilich wurde und wird ihnen auch oft von diversen Gruppierungen oder Anhängern verschiedener Bewegungen in den Medien und im Netz unter die Nase gerieben. So wie im Übrigen auch die Tatsache, im Laufe der Jahre immer mehr radiofreundliche, eingängigere Lieder und Stadionhymnen geschrieben zu haben.

Was das letztere Argument betrifft: Bands, die sich textlich und musikalisch im Laufe der Jahrzehnte nur wenig verändern, haben zweifelsohne ihre Daseinsberechtigung. Auch ich kann solchen Gruppen etwas abgewinnen, Stichwort AC/DC, Manowar oder ZZ Top. Aber von jedem Musiker oder jeder Band zu erwarten, dass sie nach zwanzig, dreißig – geschweige denn 44 – Jahren mit ihren Songs noch dort verweilen, wo sie in ihren Zwanzigern waren, kann wohl nicht ernst gemeint sein. Das ist auch von einem Menschen an sich nicht zu erwarten.

Alles in allem halte ich Trink aus! Wir müssen gehen für einen äußerst gelungenen, starken Abschied. Ein Album, an das man sich gerne zurückerinnern wird, und krönender Abschluss der Diskografie einer Band, die den Punkrock international Jahrzehnte lang stark geprägt hat – und das mit überwiegend deutschsprachigen Texten. Ein sehr würdiger, noch dazu selbst gewählter Abschied der Toten Hosen also, was sich, wie gesagt, in den Songtexten und den musikalischen Lösungen immer wieder offenbart. Und in dieser Hinsicht kann man den Düsseldorfern wahrlich nichts vorwerfen, denn in diesem Punkt sind sie sich zweifelsohne treu geblieben. Wie sangen sie schon vor genau vierzig Jahren, im Jahr 1986, im Lied Wort zum Sonntag? „Das Ende setzen wir uns selbst / Und niemand anders auf der Welt / Begreift besser jetzt als nie / Es kommt erst, wenn es uns gefällt!“

2026/06/04

Volljährig

Nein, die Sprösslinge hier im Haus sind noch keineswegs so weit, dafür wird aber dieses virtuelle Tagebuch heute sagenhafte achtzehn Jahre alt. Was mich schon zumindest ein klein wenig stolz macht. Auch, wenn manchmal die Zeit, die von mir für relevant gehaltenen Themen oder die erforderliche Kreativität fehlen, so gibt es hier doch in kürzeren oder längeren Zeitabständen Neues zu berichten.

Ich hoffe, dass der von mir verzapfte Inhalt den werten Lesern zumindest hin und wieder Spaß macht, sie zum Nachdenken bringt oder sie ihr Interesse, was meine Person betrifft, auf diese Weise ein wenig befriedigen können.

Wie es hier weitergeht und ob es mir gelingt, zwei Jahrzehnte durchzuhalten, steht noch in den Sternen. Bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Ich denke, dass Beste ist auch in diesem Fall, wenn ich mich mit den bisherigen kleinen Schritten auf das runde Jubiläum zubewege. Will im konkreten Fall heißen: mich auf den nächstfolgenden Beitrag in diesem nunmehr volljährigen Blog konzentriere. Aber vorher puste ich noch schnell die achtzehn Kerzen auf der virtuellen Geburtstagstorte aus.